Level 1 Charts lesen · Teil 3/7

Trend, Trendlinie, Trendkanal

Kaum ein Begriff der Charttechnik wird so beiläufig benutzt und so selten definiert wie der Trend. Dabei ist die Definition präzise und nachprüfbar.

Die Definition

Ein Aufwärtstrend liegt vor, wenn jedes Zwischenhoch über dem vorherigen liegt und jedes Zwischentief ebenfalls. Ein Abwärtstrend ist das Spiegelbild: tiefere Hochs, tiefere Tiefs. Alles andere ist eine Seitwärtsphase – und die ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.

Aufwärtstrend aus höheren Hochs und höheren Tiefs mit eingezeichneter Trendlinie
Ein Aufwärtstrend ist definiert, nicht gefühlt: (1) jedes Zwischentief liegt über dem vorherigen, (2) jedes Zwischenhoch ebenfalls. (3) Die Trendlinie verbindet die Tiefs — sie beschreibt den Trend, sie hält ihn nicht.

Der Wert dieser Definition liegt darin, dass sie widerlegbar ist. “Der Trend ist intakt” ist keine Meinung, sondern eine Aussage, die ein einziges tieferes Tief beendet. Wer stattdessen sagt “es geht aufwärts”, weil der Kurs gestiegen ist, sagt nichts, was jemals falsch werden könnte.

Trendlinie

Die Trendlinie verbindet in einem Aufwärtstrend die Tiefs, in einem Abwärtstrend die Hochs. Sie macht die Steigung sichtbar und liefert eine Marke, deren Bruch sich beobachten lässt.

Drei Einschränkungen sind wichtig:

  1. Zwei Punkte definieren jede Linie. Erst der dritte Berührungspunkt macht sie zu einer Aussage über den Markt statt zu einer Aussage über die beiden gewählten Punkte.
  2. Die Linie hält nichts. Sie beschreibt, sie wirkt nicht. Der Kurs steigt nicht, weil dort eine Linie liegt.
  3. Die Skala verändert sie. Dieselben Kurse ergeben auf linearer und logarithmischer Skala unterschiedlich steile Linien – und damit unterschiedliche Bruchzeitpunkte. Wer die Skala so lange wechselt, bis die Linie passt, betreibt Kurvenanpassung.

Trendkanal

Verläuft ein Trend gleichmäßig, lässt sich eine zweite Linie parallel zur ersten über die Gegenseite legen. Der Raum dazwischen ist der Trendkanal.

Aufwärtstrend in einem Kanal aus zwei parallelen Linien
Verläuft ein Trend gleichmäßig, lässt sich eine zweite Linie parallel über die Hochs legen: (1) untere Kanalgrenze, (2) obere Kanalgrenze. (3) Der Kanal endet nicht mit einem Knall, sondern indem der Kurs ihn schlicht nicht mehr ausfüllt — hier bleibt der letzte Anstieg deutlich unter der oberen Linie.

Aufschlussreich ist weniger der Kanal selbst als die Frage, ob der Kurs ihn noch ausfüllt. Erreicht eine Aufwärtsbewegung die obere Begrenzung nicht mehr, verliert der Trend an Kraft – lange bevor die untere Linie bricht. Das ist eine der wenigen Beobachtungen der klassischen Charttechnik, die eine Veränderung anzeigt, statt sie nur zu bestätigen.

Trends existieren parallel in mehreren Zeitrahmen, und sie widersprechen sich regelmäßig. Ein Wochen-Aufwärtstrend kann einen Tages-Abwärtstrend enthalten, der wiederum aus stündlichen Aufwärtsbewegungen besteht.

Daraus folgt kein Widerspruch, sondern eine Anforderung: Der Zeitrahmen, in dem der Trend beurteilt wird, muss zur geplanten Haltedauer passen und vorher feststehen. Wer die Ebene so lange wechselt, bis das Bild zur eigenen Position passt, findet immer eine Bestätigung – und genau deshalb ist sie wertlos.

Herkunft: Dow-Theorie

Die Vorstellung, dass Märkte in Trends laufen und dass ein Trend die Bestätigung durch die Breite des Marktes braucht, geht auf Charles Dow um 1900 zurück. Zwei seiner Grundgedanken tragen bis heute: Ein Trend gilt als intakt, bis er widerlegt ist. Und eine Bewegung ist glaubwürdiger, wenn viele Titel sie tragen, als wenn es nur wenige sind.

Genau diese Breite lässt sich messen, und zwar nicht nur bei Aktien. Der Altcoin-Season-Index etwa beantwortet für den Kryptomarkt die Frage, ob eine Bewegung breit getragen ist oder nur vom größten Wert kommt.

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Wo Trends drehen und pausieren, liegen meist wiederkehrende Kursbereiche – das Thema des nächsten Artikels.