Level 1 Charts lesen · Teil 2/7
Kerzen lesen: Körper, Docht, Farbe
Die Kerze ist die verbreitetste Kursdarstellung, weil sie vier Zahlen in eine Form bringt, die sich in Sekundenbruchteilen erfassen lässt. Ihr Aufbau ist schnell erklärt. Interessanter ist, was in den Proportionen steckt.
Aufbau

Der Körper ist die Spanne zwischen Eröffnung und Schluss. Liegt der Schluss höher, gilt die Kerze als steigend und wird hell oder grün gezeichnet; liegt er tiefer, gilt sie als fallend und wird gefüllt oder rot gezeichnet. Die Dochte – auch Schatten genannt – reichen bis zum Hoch und zum Tief der Periode.
Farben sind reine Konvention. Historisch waren japanische Kerzen weiß und schwarz, und in vielen professionellen Anwendungen sind sie es bis heute. Die Farbe trägt keine Information, die nicht schon in der Lage von Eröffnung und Schluss steckt.
Die Proportionen tragen die Aussage
Die eigentliche Information einer Kerze steckt im Verhältnis von Körper zur Gesamtspanne:
- Langer Körper, kurze Dochte: Der Kurs ist in eine Richtung gelaufen und dort geblieben. Der Markt war sich weitgehend einig.
- Kurzer Körper, lange Dochte: viel Bewegung, kein Ergebnis. Beide Seiten haben Kurse durchgesetzt, halten konnte sie keine.
- Ein langer Docht auf nur einer Seite: Ein Kursbereich wurde erreicht und wieder abgelehnt. Genau dort liegt die interessante Information – nicht in der Farbe.

Diese drei Grundformen tragen Namen aus der japanischen Charttechnik – Marubozu, Spinning Top, Doji –, doch die Namen sind zweitrangig. Wer das Verhältnis liest, braucht die Vokabeln nicht.
Größe ist relativ
Eine “große” Kerze gibt es nicht absolut. Eine Spanne von zwei Prozent ist bei einem ruhigen Anleihen-ETF ein Ausnahmetag und bei einer Kryptowährung ein Dienstag. Aussagekräftig ist erst der Vergleich mit den letzten zehn bis zwanzig Kerzen desselben Instruments – genau das drückt später die Average True Range als Zahl aus.
Kurslücken
Zwischen einem Schluss und der nächsten Eröffnung kann eine Kurslücke (Gap) liegen: Der Handel wird zu einem anderen Kurs wieder aufgenommen, als er geendet hat. Kurslücken entstehen überall dort, wo der Handel unterbrochen wird – über Nacht, über das Wochenende oder rund um Quartalszahlen.
Wo durchgehend gehandelt wird, gibt es kaum Lücken. Kryptowährungen laufen rund um die Uhr, große Währungspaare fünf Tage die Woche ohne Pause. Ein Muster, das eine Kurslücke voraussetzt, ist dort strukturell selten – ein guter Beleg dafür, dass Kerzenmuster keine universellen Gesetze sind, sondern von der Marktmechanik abhängen.
Was jede Kerze verliert
Eine Kerze sagt nicht, in welcher Reihenfolge die Kurse zustande gekommen sind. Ein Tag, der erst auf sein Hoch steigt und dann zum Tief durchfällt, kann exakt dieselbe Kerze erzeugen wie ein Tag, der zuerst einbricht und sich danach erholt. Wirtschaftlich sind das zwei völlig verschiedene Tage.
Deshalb ist der Wechsel des Zeitrahmens keine Kosmetik, sondern der einzige Weg, diese Information zurückzuholen: Eine Tageskerze zerfällt im Stundenchart in 24 Kerzen, und die zeigen die Reihenfolge. Wer ein Kerzenmuster ernst nimmt, sollte zumindest wissen, was eine Ebene tiefer passiert ist.
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Umkehr- und Fortsetzungsmuster aus mehreren Kerzen behandelt Level 2 . Zuvor fehlt aber noch der Kontext, ohne den jedes Umkehrmuster bedeutungslos ist: der Trend.