Level 1 Charts lesen · Teil 1/7

Wie man einen Chart liest

Ein Chart bildet den Markt nicht ab, er verdichtet ihn. Aus Millionen einzelner Abschlüsse wird pro Zeitabschnitt eine Handvoll Zahlen. Wer weiß, welche davon übrig bleiben und welche verschwinden, liest denselben Chart anders.

Vier Zahlen pro Zeitabschnitt

Fast jede Kursdarstellung beruht auf vier Werten je Periode: Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss – im Englischen open, high, low, close, kurz OHLC. Eine Periode kann eine Minute sein, ein Tag oder ein Monat; an den vier Werten ändert das nichts.

Dieselben acht Handelstage als Linienchart, als Balkenchart und als Kerzenchart
Dieselben acht Tage, drei Darstellungen: (1) die Linie verbindet nur die Schlusskurse, (2) der Balken ergänzt Hoch, Tief und Eröffnung, (3) die Kerze zeigt dieselben vier Werte, färbt aber die Spanne zwischen Eröffnung und Schluss ein.

Der Linienchart zeigt nur die Schlusskurse. Das ist weniger Information, aber nicht automatisch schlechter: Der Schlusskurs ist der Preis, auf den sich der Markt am Ende der Periode geeinigt hat. Zwischenausschläge, die niemand halten wollte, fallen dabei heraus. Über mehrere Jahre hinweg ist die Linie deshalb meist die ruhigere Darstellung.

Der Balkenchart ergänzt Hoch, Tief und Eröffnung. Der Kerzenchart zeigt dieselben vier Werte, färbt aber die Spanne zwischen Eröffnung und Schluss ein. Damit ist auf einen Blick sichtbar, in welche Richtung die Periode gelaufen ist. Inhaltlich unterscheiden sich Balken und Kerze nicht – die Kerze liest sich nur schneller.

Der Zeitrahmen entscheidet mit

Derselbe Markt sieht in verschiedenen Zeitrahmen unterschiedlich aus, und keiner davon ist der “richtige”. Ein Rückgang, der im Stundenchart wie ein Trendbruch aussieht, ist im Wochenchart eine einzelne Kerze mit langem unterem Docht.

Praktisch heißt das: Der Zeitrahmen muss zur Haltedauer passen. Wer eine Position über Monate hält, entscheidet nicht im 5-Minuten-Chart, denn dort sieht er vor allem Rauschen. Umgekehrt kann ein Wochenchart eine Bewegung nicht auflösen, die innerhalb von zwei Tagen beginnt und endet.

Üblich ist, zwei Zeitrahmen zu kombinieren: einen höheren für Richtung und Struktur, einen niedrigeren für den Einstiegszeitpunkt. Drei oder mehr bringen selten mehr Klarheit, aber zuverlässig mehr Widersprüche.

Lineare und logarithmische Skala

Auf einer linearen Skala steht ein gleicher Abstand für einen gleichen Kursbetrag: Von 10 auf 20 ist es genauso weit wie von 100 auf 110. Auf einer logarithmischen Skala steht ein gleicher Abstand für eine gleiche prozentuale Veränderung – von 10 auf 20 ist damit genauso weit wie von 100 auf 200.

Für Anleger ist die logarithmische Skala fast immer die passende, denn entscheidend ist die prozentuale Veränderung, nicht der absolute Betrag. Über mehrere Jahre ist der Unterschied dramatisch: Linear gezeichnet wirkt jede Vervielfachung wie eine Explosion am rechten Rand, während die Anfangsjahre zu einer flachen Linie zusammenschrumpfen. Auch Trendlinien liegen je nach Skala völlig woanders – einer der Gründe, warum zwei Betrachter über denselben “Trendbruch” streiten können.

Bereinigte Kurse

Ein Kurschart zeigt oft nicht den Preis, der damals tatsächlich an der Börse stand. Splits und Dividenden werden in die Vergangenheit zurückgerechnet, damit die Reihe stetig bleibt. Ohne diese Bereinigung würde jeder Split eine künstliche Kurslücke erzeugen und jede Dividende einen künstlichen Abschlag am Ex-Tag.

Das ist richtig so, hat aber Folgen für die Analyse. Alte Kurse in einem bereinigten Chart entsprechen keinem Preis, der jemals handelbar war. Wer eine Unterstützung “bei 50 Euro von 2018” einzeichnet, arbeitet mit einer Zahl, die es an der Börse nie gegeben hat. Bei Rohstoff-Futures kommt ein zweites Problem hinzu: Kontrakte laufen aus und werden gerollt. Ohne Korrektur entstehen dabei Sprünge, die kein Marktereignis waren.

Was im Chart fehlt

  • Die Reihenfolge innerhalb der Periode. Eine Tageskerze verrät nicht, ob zuerst das Hoch oder zuerst das Tief erreicht wurde. Zwei völlig verschiedene Handelstage können identische Kerzen ergeben.
  • Die Ausführbarkeit. Ein Kurs im Chart bedeutet nicht, dass dort in nennenswertem Umfang gehandelt werden konnte. Bei engen Werten liegen Geld- und Briefkurs weit auseinander, und der gezeichnete Kurs liegt irgendwo dazwischen.
  • Die Ursache. Der Chart zeigt das Ergebnis, nie den Grund. Deshalb ergänzen sich Kursbild und Wirtschaftskalender : Das eine zeigt, dass etwas passiert ist, das andere oft, weshalb.

Weiterlesen

Der nächste Artikel zerlegt die Kerze selbst und erklärt, warum das Verhältnis von Körper zu Docht mehr aussagt als die Farbe. Wer die Kursreihen der einzelnen Märkte direkt ansehen möchte, findet sie in der Marktübersicht .