Level 2 Muster & Indikatoren · Teil 8/9
Volatilität messen: Bollinger und ATR
Volatilität ist die einzige Größe der technischen Analyse, die sich zuverlässig prognostizieren lässt – nicht in ihrer Richtung, aber in ihrer Beständigkeit: Auf ruhige Phasen folgen ruhige, auf bewegte folgen bewegte. Dieses Clustering ist einer der robustesten empirischen Befunde der Finanzmarktforschung.
Bollinger-Bänder

Ein gleitender Durchschnitt, meist über 20 Perioden, plus und minus zwei Standardabweichungen. Die Breite der Bänder ist die Volatilität.
Die häufigste Fehlanwendung ist dieselbe wie beim RSI: Ein Kurs am oberen Band gilt als teuer. Er ist es nicht. In starken Trends läuft der Kurs am Band entlang. Das ist die Definition eines starken Trends und kein Grund zu verkaufen.
Brauchbar ist der Squeeze: Ziehen sich die Bänder ungewöhnlich eng zusammen, folgt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit eine Ausdehnung. Was der Squeeze nicht verrät, ist die Richtung – und genau dort steigen die meisten Beschreibungen aus.
Average True Range

Die True Range einer Periode ist der größte von drei Abständen: Hoch minus Tief, Hoch minus vorheriger Schluss, vorheriger Schluss minus Tief. Der letzte Teil ist wichtig, denn er berücksichtigt Kurslücken, die eine reine Hoch-Tief-Spanne unterschlagen würde. Die ATR ist der Durchschnitt dieser Werte über n Perioden, üblicherweise 14.
Die ATR ist keine Richtungsaussage und kein Signal. Ihr Wert liegt in zwei praktischen Anwendungen:
Stops in ATR-Einheiten. Ein Stop “2 Prozent unter Einstieg” lässt bei niedriger Volatilität viel Luft und bei hoher fast keine. Ein Stop “zwei ATR unter Einstieg” hält den Abstand relativ zur tatsächlichen Bewegung konstant – über Instrumente und Marktphasen hinweg.
Positionsgröße. Steht der Stop in ATR-Einheiten, ergibt sich die Positionsgröße direkt aus der Risikoformel : Risiko in Euro geteilt durch (ATR × Faktor). Volatilere Werte bekommen dadurch automatisch kleinere Positionen, und das Risiko je Position bleibt konstant, statt mit der Unruhe des Instruments zu schwanken.
Diese zweite Anwendung ist wahrscheinlich der praktischste einzelne Baustein der ganzen Stufe.
Keltner-Kanäle
Ähnlich wie Bollinger-Bänder, aber um die ATR statt um die Standardabweichung gelegt. Der Unterschied ist nicht kosmetisch: Die Standardabweichung reagiert stark auf einzelne Ausreißer, die ATR gleichmäßiger. Für die Stop-Logik ist die ATR-Variante meist die stabilere.
Warum Volatilität die verlässlichere Größe ist
Kursrichtungen lassen sich kaum prognostizieren – das ist der Kern der Kritik an der technischen Analyse. Volatilität dagegen lässt sich teilweise prognostizieren, weil sie stark autokorreliert ist.
Genau deshalb liegt der praktische Wert dieses Kapitels nicht in Signalen, sondern in der Risikosteuerung. Wohin der Kurs läuft, lässt sich nicht wissen. Aber wie weit er sich in der nächsten Woche bewegen wird, lässt sich recht gut abschätzen. Wer diese Schätzung in Stops und Positionsgrößen übersetzt, nutzt den zuverlässigsten Teil der ganzen Werkzeugkiste.
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Der letzte Artikel dieser Stufe: wie man ein Muster oder einen Indikator überhaupt überprüft.