Level 1 Charts lesen · Teil 4/7
Unterstützung und Widerstand
Kurse drehen nicht an zufälligen Stellen. Bestimmte Bereiche werden immer wieder getestet und halten – bis sie es nicht mehr tun. Unterhalb des Kurses heißen sie Unterstützung, oberhalb Widerstand.
Zonen, keine Linien

Ein Kurs dreht nie exakt auf demselben Wert, sondern in einem Band. Wer eine Unterstützung als exakte Linie einzeichnet, produziert zwei Fehler auf einmal: Er sieht “Fehlausbrüche”, wo lediglich das Band ausgeschöpft wurde, und er legt seine Stops genau dorthin, wo das Rauschen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erwischt.
Praktisch reicht die Zone vom niedrigsten Docht bis zum höchsten Körperschluss der beteiligten Kerzen. Je öfter sie getestet wurde und je mehr Zeit zwischen den Tests lag, desto relevanter ist sie.
Der Rollentausch
Die aussagekräftigste Beobachtung dieses Kapitels ist der Rollentausch: Ein gebrochener Widerstand wird häufig zur Unterstützung, eine gebrochene Unterstützung zum Widerstand. Im Chart oben passiert nach dem Ausbruch genau das.
Der Grund ist marktmechanisch, nicht mystisch. Am alten Widerstand haben Marktteilnehmer verkauft, weil sie dort ein Hoch erwartet haben. Steigt der Kurs darüber, ändert sich ihre Einschätzung: Wer verkauft hat, will zurück; wer gekauft hat, verteidigt seinen Einstand. Beides erzeugt Nachfrage in genau diesem Bereich.
Woher die Bereiche kommen
Drei Quellen erklären den Großteil:
- Erinnerung an Kursniveaus. Marktteilnehmer beziehen sich auf frühere Hochs und Tiefs, weil sie dort ein- oder ausgestiegen sind. Ihr Verhalten macht die Marke wirksam.
- Ordercluster. Stop-Aufträge und Limits sammeln sich an auffälligen Kursen. Werden sie ausgelöst, entsteht eine sprunghafte Bewegung – daher der typische schnelle Schub nach einem Bruch.
- Runde Zahlen. 100, 1.000, 20.000: Menschen und Handelssysteme legen ihre Orders bevorzugt dort ab. Der Effekt ist klein, aber messbar und in fast allen Märkten zu finden.
Selbstbezug und seine Grenze
Unterstützung und Widerstand sind teilweise selbsterfüllend: Sie wirken, weil viele Teilnehmer sie beachten. Das ist kein Einwand, sondern die Erklärung. Der Effekt hat allerdings eine natürliche Obergrenze: Sobald genug Kapital auf einer Marke sitzt, wird sie zum Ziel für die Gegenseite. Deshalb sind die berühmtesten Marken zugleich die unzuverlässigsten.
Wenn eine Zone bricht
Ein Bruch ist nicht automatisch ein Signal. Drei Fälle sind zu unterscheiden:
| Was passiert | Woran erkennbar | |
|---|---|---|
| Ausbruch | Kurs verlässt die Zone und bleibt draußen | Folgekerzen halten das Niveau, oft erhöhtes Volumen |
| Fehlausbruch | Kurs verlässt die Zone und kehrt zurück | schneller Rückfall, meist langer Docht |
| Test | Kurs berührt die Zone von außen und dreht | Rollentausch, siehe oben |
Im Nachhinein ist die Unterscheidung trivial, im Moment ist sie schwierig. Genau deshalb braucht jede Entscheidung an einer Zone eine vorher festgelegte Marke, ab der sie widerlegt ist – das Thema des Risiko-Artikels dieser Stufe.
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Ob ein Ausbruch tatsächlich getragen wird, lässt sich am Handelsvolumen ablesen. Das ist der nächste Artikel.