Level 1 Charts lesen · Teil 7/7

Was technische Analyse leistet – und was nicht

Am Ende der ersten Stufe steht die unangenehme Frage: Funktioniert das überhaupt? Die ehrliche Antwort fällt differenziert aus – und sie erklärt, warum die nächsten beiden Stufen so aufgebaut sind, wie sie aufgebaut sind.

Drei Mechanismen, die wirklich wirken

Selbstbezug. Wenn genug Marktteilnehmer dieselbe Marke beachten, sammeln sich dort tatsächlich Orders. Der Effekt ist real, aber er skaliert nicht: Je bekannter eine Marke ist, desto attraktiver wird sie als Ziel für die Gegenseite.

Ordermechanik. Stop-Aufträge sammeln sich an sichtbaren Kursen. Werden sie ausgelöst, entsteht eine kurzfristige Bewegung – keine Meinungsänderung, sondern erzwungene Ausführung. Das erklärt Fehlausbrüche und schnelle Bewegungen nach einem Bruch besser als jede Musterlehre.

Verhaltensmuster. Verlustaversion, Ankereffekte und Herdenverhalten sind gut dokumentiert und erzeugen wiederkehrende Kursstrukturen. Was sie nicht liefern, ist ein Zeitpunkt.

Empirisch am besten belegt ist von all dem nicht die Musterlehre, sondern Momentum: die Beobachtung, dass sich Werte, die über die letzten sechs bis zwölf Monate relativ stark gelaufen sind, noch einige Monate weiter in dieselbe Richtung bewegen. Der Effekt ist über Jahrzehnte und über Märkte hinweg untersucht – und er ist nichts anderes als eine Trendaussage in messbarer Form.

Vier Gründe, warum Muster besser aussehen, als sie sind

Die Basisrate fehlt. “In sieben von zehn Fällen folgte ein Anstieg” ist nur dann eine Aussage, wenn man weiß, wie oft ein Anstieg ohnehin folgt. Steigen Aktien in 54 Prozent aller Wochen, muss ein Muster deutlich über 54 Prozent liegen, um überhaupt Information zu tragen.

Balkenvergleich: Basisrate steigender Tage gegenüber der Trefferquote nach zwei Mustern, mit Unsicherheitsbereichen
(1) Die Basisrate: Der Markt schließt ohnehin an gut der Hälfte aller Tage im Plus. Jede Trefferquote muss gegen diesen Wert gemessen werden, nicht gegen null. (2) Muster A trifft in 55 % der Fälle — drei Punkte über der Basisrate. (3) Der graue Bereich ist die Unsicherheit bei 80 beobachteten Fällen: Er reicht von 44 % bis 66 % und schließt die Basisrate mit ein. Damit ist nichts gezeigt außer Rauschen. Erst wenn dieser Bereich die Basisrate nicht mehr berührt, gibt es überhaupt etwas zu besprechen.

Selektionsbias in den Beispielen. Lehrbücher zeigen gelungene Formationen. Die gescheiterten sehen bis kurz vor dem Ende identisch aus – und schaffen es nie ins Buch. Deshalb sind alle Grafiken in diesem Kurs synthetisch: Ein echtes Beispiel wäre immer ein nachträglich ausgewähltes.

Rückschaufehler. Im fertigen Chart ist jedes Muster offensichtlich. Am rechten Rand, wo die Entscheidung fällt, sind es Kandidaten, und die meisten davon werden es nicht.

Freiheitsgrade. Zeitrahmen, Skala, Indikatorparameter, Definition der Zone: Wer genug Stellschrauben hat, findet immer eine Kombination, die in der Vergangenheit funktioniert hätte. Wie schnell aus dieser Suche ein scheinbar exzellentes Ergebnis wird, behandelt Level 3 .

Was daraus folgt

Charttechnik ist deshalb nicht wertlos. Ihr Beitrag liegt aber woanders, als üblicherweise behauptet wird:

  • Sie liefert eine gemeinsame Sprache für Kursstrukturen und damit vergleichbare Beschreibungen.
  • Sie liefert überprüfbare Marken. Erst ein Muster mit klarer Widerlegungsgrenze macht Risikosteuerung möglich.
  • Sie liefert keine Prognose. Wer eine Wahrscheinlichkeitsaussage will, muss sie messen – an einer ausreichend großen Stichprobe und mit sauberer Trennung von Trainings- und Testzeitraum.

Genau diesen Weg geht der Kurs. Level 2 beschreibt Muster und Indikatoren so präzise, dass sie überhaupt prüfbar werden. Level 3 zeigt, was bei der Prüfung schiefgeht und wie die Finanzforschung damit umgeht.

Wer eine Idee sofort gegen historische Daten stellen möchte, findet im Backtester und im Renditedreieck den passenden Startpunkt – mit dem Vorbehalt, den Level 3 ausführlich begründet: Ein einzelner guter Backtest ist noch kein Beleg.

Weiterlesen

Ende von Level 1. Weiter mit den Kerzenmustern in Level 2.