Level 2 Muster & Indikatoren · Teil 4/9

Fortsetzungs-Chartmuster

Die meiste Zeit laufen Märkte nicht, sie warten. Fortsetzungsformationen beschreiben diese Wartezeit – und den Moment, in dem sie endet.

Allen liegt derselbe Vorgang zugrunde: Kompression geht in Ausdehnung über. Die Schwankungsbreite nimmt ab, bis sie es nicht mehr tut. Die Richtung des anschließenden Ausbruchs ist dabei deutlich weniger vorhersehbar, als die Namen der Muster nahelegen.

Dreiecke

Aufsteigendes Dreieck: waagerechter Widerstand über steigenden Tiefs
(1) Die Hochs enden mehrfach auf demselben Kurs — dort liegt Angebot. (2) Die Tiefs steigen: Käufer sind bereit, jedes Mal mehr zu zahlen. Das Angebot wird abgearbeitet, die Spanne verengt sich, (3) der Ausbruch löst die Spannung auf. Die Richtung ist nicht garantiert — die Formation sagt, wo etwas passiert, nicht was.

Beim aufsteigenden Dreieck enden die Hochs mehrfach auf demselben Kurs, während die Tiefs steigen. Die Lesart: An der Oberkante liegt Angebot, das nach und nach abgearbeitet wird, während Käufer bereit sind, immer mehr zu zahlen.

Absteigendes Dreieck: waagerechte Unterstützung unter fallenden Hochs
Das Gegenstück: (1) Die Tiefs enden auf demselben Kurs, (2) die Hochs fallen — Verkäufer geben sich mit immer weniger zufrieden. (3) Bricht die Unterstützung, folgt oft eine schnelle Bewegung, weil die dort gehäuften Stop-Aufträge zusätzliche Verkäufe auslösen.

Das absteigende Dreieck ist das Spiegelbild. Bricht die waagerechte Unterstützung, folgt oft eine schnelle Bewegung, denn die dort gehäuften Stop-Aufträge lösen zusätzliche Verkäufe aus.

Symmetrisches Dreieck: fallende Hochs treffen auf steigende Tiefs
(1) Fallende Hochs, (2) steigende Tiefs: Die Spanne verengt sich von beiden Seiten, die Schwankung nimmt ab. Solche Kompressionsphasen enden fast immer in einer Ausdehnung — (3) — aber die Richtung ist offen. Wer die Richtung vorwegnimmt, handelt eine Vermutung; wer den Ausbruch abwartet, zahlt dafür mit Einstiegskurs.

Beim symmetrischen Dreieck laufen beide Begrenzungen aufeinander zu. Es ist das ehrlichste der drei, weil es keine Richtung nahelegt: Es sagt, dass sich etwas zusammenzieht, mehr nicht.

Praktisch relevant ist eine Beobachtung: Ausbrüche im letzten Drittel eines Dreiecks tragen häufiger als Ausbrüche kurz vor der Spitze. Läuft der Kurs bis in die Spitze hinein, löst sich die Formation meist auf, statt sich zu vollenden.

Flaggen und Wimpel

Bullische Flagge: steiler Anstieg, abwärts geneigte Konsolidierung, erneuter Ausbruch
(1) Die Fahnenstange — ein schneller, steiler Anstieg. (2) Die Flagge: eine leicht abwärts geneigte Konsolidierung in engem Band, meist mit sinkendem Volumen. Gewinnmitnahmen treffen auf Nachfrage, ohne dass der Trend gebrochen wird. (3) Der Ausbruch über die obere Begrenzung. Wird die Fahnenstange dagegen vollständig abverkauft, war es keine Flagge, sondern eine Umkehr.

Eine Flagge besteht aus einer steilen Bewegung – der Fahnenstange – und einer engen, leicht gegenläufig geneigten Konsolidierung. Sie ist das Muster mit dem klarsten inhaltlichen Argument: Gewinnmitnahmen treffen auf anhaltende Nachfrage, ohne dass die Bewegung zurückgegeben wird.

Bärische Flagge: steiler Abfall, aufwärts geneigte Konsolidierung, Fortsetzung nach unten
Spiegelbild der bullischen Flagge: (1) steiler Abverkauf, (2) eine aufwärts geneigte, enge Erholung — sie sieht wie eine Bodenbildung aus, verläuft aber zu flach und zu kraftlos, (3) Fortsetzung nach unten. Der Unterschied zwischen Flagge und Boden zeigt sich in Umfang und Volumen der Erholung, nicht in ihrer Form.

Die Abwärtsvariante sieht aus wie eine Bodenbildung, ist aber keine. Der Unterschied liegt im Ausmaß: Eine Erholung, die weniger als ein Drittel der vorherigen Bewegung zurückholt, ist eine Pause; holt sie die Hälfte oder mehr zurück, ist es keine Flagge mehr.

Wimpel: Fahnenstange, kurze symmetrische Verengung, Ausbruch in Trendrichtung
(1) Fahnenstange, (2) ein kurzer, symmetrisch zulaufender Wimpel — anders als die Flagge hat er keine Neigung, sondern verengt sich von beiden Seiten. (3) Ausbruch in Trendrichtung. Wimpel dauern typischerweise nur wenige Perioden; zieht sich die Verengung lange hin, wird daraus ein Dreieck mit deutlich weniger Trendbezug.

Der Wimpel ist die symmetrische Variante der Flagge: keine Neigung, sondern Verengung von beiden Seiten. Er dauert typischerweise nur wenige Perioden. Zieht sich die Verengung hin, handelt es sich um ein Dreieck – mit deutlich schwächerem Trendbezug.

Keile

Steigender Keil: zwei aufwärts gerichtete, zusammenlaufende Begrenzungen, Bruch nach unten
(1) Beide Begrenzungen steigen, aber die untere steiler als die obere — die Bewegung verliert Raum. (2) Jede neue Aufwärtswelle fällt kürzer aus als die vorige. (3) Der Bruch erfolgt meist nach unten. Ein steigender Keil ist der seltene Fall, in dem steigende Kurse eine Schwächeanzeige sind — weil die Steigung von der Kraft, nicht von der Richtung lebt.

Der steigende Keil ist der Sonderfall, in dem steigende Kurse Schwäche anzeigen: Beide Begrenzungen steigen, die untere steiler, und jede neue Welle fällt kürzer aus. Der Ausbruch erfolgt überwiegend nach unten.

Fallender Keil: zwei abwärts gerichtete, zusammenlaufende Begrenzungen, Ausbruch nach oben
(1) Beide Begrenzungen fallen, die obere steiler — der Abwärtsdruck lässt nach. (2) Jede neue Abwärtswelle bringt weniger Boden. (3) Der Ausbruch erfolgt meist nach oben. Wie beim steigenden Keil zählt die abnehmende Amplitude, nicht die Richtung der Linien.

Beim fallenden Keil verhält es sich umgekehrt. Lesbar macht beide nicht die Richtung der Linien, sondern die abnehmende Amplitude – dieselbe Größe, die ein Volatilitätsindikator misst.

Rechteck

Rechteck: mehrfach getestete waagerechte Spanne mit anschließendem Ausbruch
(1) Obere und (2) untere Begrenzung werden je mehrfach getestet, ohne zu brechen — Angebot und Nachfrage stehen sich auf festen Kursen gegenüber. (3) Der Ausbruch. Die Höhe der Spanne dient als grobes Maß für die anschließende Bewegung; wichtiger ist, dass ein Fehlausbruch hier sofort erkennbar ist — der Kurs fällt in die Spanne zurück.

Eine waagerechte Spanne mit mehreren Tests an beiden Rändern. Der praktische Vorteil: Ein Fehlausbruch ist sofort erkennbar, weil der Kurs schlicht in die Spanne zurückfällt. Von allen Formationen liefert das Rechteck die saubersten Widerlegungsmarken.

Cup-and-Handle

Untertasse mit Henkel: runder Boden, kurzer Rücksetzer am Rand, Ausbruch
(1) Die Tasse — ein runder Boden, der den vorherigen Rückgang langsam aufholt. (2) Der Henkel: ein kurzer, flacher Rücksetzer direkt unter dem alten Hoch, in dem die letzten Verkäufer aussteigen. (3) Ausbruch über den Rand. Ein zu tiefer Henkel — mehr als etwa ein Drittel der Tassenhöhe — entwertet die Formation, weil er die Erholung wieder auflöst.

Ein runder Boden mit anschließendem kurzem Rücksetzer knapp unter dem alten Hoch. Im Henkel steigen die letzten Verkäufer aus. Ist er tiefer als etwa ein Drittel der Tassenhöhe, entwertet er die Formation, denn dann ist die Erholung wieder aufgelöst.

Die gemeinsame Warnung

Alle diese Formationen haben unscharfe Definitionen. Wie flach darf eine Flagge geneigt sein? Wie viele Berührungen braucht ein Dreieck? Wo genau liegt die Begrenzung?

Jede dieser Freiheiten ist ein Freiheitsgrad, und Freiheitsgrade sind das Material, aus dem überangepasste Ergebnisse entstehen. Wer ein Muster ernsthaft prüfen will, muss es zuerst so eng definieren, dass ein Programm es ohne Ermessensspielraum finden kann. Genau daran scheitern die meisten Musterstatistiken, lange bevor es um Wahrscheinlichkeiten geht.

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Von den Formen zu den Zahlen: gleitende Durchschnitte als erster Indikator.