Level 2 Muster & Indikatoren · Teil 4/9
Fortsetzungs-Chartmuster
Die meiste Zeit laufen Märkte nicht, sie warten. Fortsetzungsformationen beschreiben diese Wartezeit – und den Moment, in dem sie endet.
Allen liegt derselbe Vorgang zugrunde: Kompression geht in Ausdehnung über. Die Schwankungsbreite nimmt ab, bis sie es nicht mehr tut. Die Richtung des anschließenden Ausbruchs ist dabei deutlich weniger vorhersehbar, als die Namen der Muster nahelegen.
Dreiecke

Beim aufsteigenden Dreieck enden die Hochs mehrfach auf demselben Kurs, während die Tiefs steigen. Die Lesart: An der Oberkante liegt Angebot, das nach und nach abgearbeitet wird, während Käufer bereit sind, immer mehr zu zahlen.

Das absteigende Dreieck ist das Spiegelbild. Bricht die waagerechte Unterstützung, folgt oft eine schnelle Bewegung, denn die dort gehäuften Stop-Aufträge lösen zusätzliche Verkäufe aus.

Beim symmetrischen Dreieck laufen beide Begrenzungen aufeinander zu. Es ist das ehrlichste der drei, weil es keine Richtung nahelegt: Es sagt, dass sich etwas zusammenzieht, mehr nicht.
Praktisch relevant ist eine Beobachtung: Ausbrüche im letzten Drittel eines Dreiecks tragen häufiger als Ausbrüche kurz vor der Spitze. Läuft der Kurs bis in die Spitze hinein, löst sich die Formation meist auf, statt sich zu vollenden.
Flaggen und Wimpel

Eine Flagge besteht aus einer steilen Bewegung – der Fahnenstange – und einer engen, leicht gegenläufig geneigten Konsolidierung. Sie ist das Muster mit dem klarsten inhaltlichen Argument: Gewinnmitnahmen treffen auf anhaltende Nachfrage, ohne dass die Bewegung zurückgegeben wird.

Die Abwärtsvariante sieht aus wie eine Bodenbildung, ist aber keine. Der Unterschied liegt im Ausmaß: Eine Erholung, die weniger als ein Drittel der vorherigen Bewegung zurückholt, ist eine Pause; holt sie die Hälfte oder mehr zurück, ist es keine Flagge mehr.

Der Wimpel ist die symmetrische Variante der Flagge: keine Neigung, sondern Verengung von beiden Seiten. Er dauert typischerweise nur wenige Perioden. Zieht sich die Verengung hin, handelt es sich um ein Dreieck – mit deutlich schwächerem Trendbezug.
Keile

Der steigende Keil ist der Sonderfall, in dem steigende Kurse Schwäche anzeigen: Beide Begrenzungen steigen, die untere steiler, und jede neue Welle fällt kürzer aus. Der Ausbruch erfolgt überwiegend nach unten.

Beim fallenden Keil verhält es sich umgekehrt. Lesbar macht beide nicht die Richtung der Linien, sondern die abnehmende Amplitude – dieselbe Größe, die ein Volatilitätsindikator misst.
Rechteck

Eine waagerechte Spanne mit mehreren Tests an beiden Rändern. Der praktische Vorteil: Ein Fehlausbruch ist sofort erkennbar, weil der Kurs schlicht in die Spanne zurückfällt. Von allen Formationen liefert das Rechteck die saubersten Widerlegungsmarken.
Cup-and-Handle

Ein runder Boden mit anschließendem kurzem Rücksetzer knapp unter dem alten Hoch. Im Henkel steigen die letzten Verkäufer aus. Ist er tiefer als etwa ein Drittel der Tassenhöhe, entwertet er die Formation, denn dann ist die Erholung wieder aufgelöst.
Die gemeinsame Warnung
Alle diese Formationen haben unscharfe Definitionen. Wie flach darf eine Flagge geneigt sein? Wie viele Berührungen braucht ein Dreieck? Wo genau liegt die Begrenzung?
Jede dieser Freiheiten ist ein Freiheitsgrad, und Freiheitsgrade sind das Material, aus dem überangepasste Ergebnisse entstehen. Wer ein Muster ernsthaft prüfen will, muss es zuerst so eng definieren, dass ein Programm es ohne Ermessensspielraum finden kann. Genau daran scheitern die meisten Musterstatistiken, lange bevor es um Wahrscheinlichkeiten geht.
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Von den Formen zu den Zahlen: gleitende Durchschnitte als erster Indikator.