Level 2 Muster & Indikatoren · Teil 6/9

Oszillatoren: RSI und Stochastik

Oszillatoren messen nicht die Richtung einer Bewegung, sondern ihre Geschwindigkeit. Sie schwanken zwischen festen Grenzen – daher der Name – und werden regelmäßig falsch gelesen.

Wie der RSI rechnet

Der Relative-Stärke-Index setzt die durchschnittlichen Aufwärtsbewegungen der letzten n Perioden ins Verhältnis zu den durchschnittlichen Abwärtsbewegungen und normiert das Ergebnis auf eine Skala von 0 bis 100. Standard ist n = 14.

Entscheidend ist, was daraus folgt: Ein RSI von 80 bedeutet, dass die Aufwärtsbewegungen der letzten 14 Perioden die Abwärtsbewegungen deutlich überwogen haben. Er bedeutet nicht, dass der Kurs zu hoch ist. Er enthält keinerlei Aussage über den Wert.

Der Irrtum mit “überkauft”

Die Marken 70 und 30 werden üblicherweise als überkauft und überverkauft bezeichnet. Diese beiden Wörter sind der Ursprung des häufigsten Fehlers der ganzen Indikatorlehre.

In einem starken Aufwärtstrend bleibt der RSI wochenlang über 70. Wer bei 70 verkauft, verkauft zu Beginn des Trends. Umgekehrt bleibt er in einem Abwärtstrend genauso lange unter 30. Ein hoher RSI ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Übertreibung.

Sinnvoll sind die Marken nur in einer klar seitwärts laufenden Phase – also genau dort, wo die Frage am wenigsten interessant ist. Das ist kein Fehler des Indikators, sondern seiner üblichen Beschreibung.

Divergenzen

Kurs mit höherem Hoch, darunter der RSI mit tieferem Hoch — eine bärische Divergenz
(1) Der Kurs erreicht ein höheres Hoch. (2) Der RSI im unteren Feld erreicht dabei ein tieferes Hoch: Die Bewegung wird von weniger Schwung getragen als die vorherige. Das ist die eigentliche Aussage des RSI — nicht die 70/30-Marken. Ein RSI über 70 heißt „starker Trend", nicht „bald fallend"; in Aufwärtstrends bleibt er wochenlang oben.

Die belastbarere Anwendung: Kurs und Oszillator laufen auseinander. Erreicht der Kurs ein höheres Hoch, der RSI aber ein tieferes, wird die neue Bewegung von weniger Schwung getragen als die vorherige.

Zwei Einschränkungen werden selten dazugesagt:

  1. Divergenzen können sich lange hinziehen. Sie liefern keinen Zeitpunkt. In einem starken Trend entstehen mehrere hintereinander, ohne dass etwas passiert.
  2. Divergenzen sind Auswahlsache. Welche Hochs man vergleicht, ist Ermessen. Wer lange genug sucht, findet in jedem Chart eine.

Als Beobachtung nützlich, als Signal unbrauchbar – so lässt sich der Stand der Empirie zusammenfassen.

Stochastik

Der Stochastik-Oszillator misst etwas anderes als der RSI: die Lage des Schlusskurses innerhalb der Spanne der letzten n Perioden. Schließt der Kurs am oberen Rand der Spanne, liegt der Wert nahe 100.

Er reagiert schneller als der RSI und ist entsprechend unruhiger. Die übliche Glättung (%K und %D) ist ein Versuch, das wieder einzufangen – und derselbe Tausch wie zwischen SMA und EMA.

Was Oszillatoren tatsächlich taugen

  • Als Zustandsbeschreibung: “Die Aufwärtsbewegungen dominieren seit zwei Wochen” ist eine legitime und nachprüfbare Aussage.
  • Als Filter: in Kombination mit einem Trendfilter, um nach einem Rücksetzer Einstiege in Trendrichtung zu finden.
  • Nicht als Umkehrsignal im Trend. Das ist die Anwendung, für die sie berühmt sind, und genau die, in der sie systematisch versagen.

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MACD und ADX messen dagegen die Veränderung von Schwung und Trendstärke. Das ist der nächste Artikel.