Von der Rendite leben: Was dafür wirklich nötig ist

Foto: Andrea Piacquadio / Pexels
Von den Erträgen eines Vermögens zu leben wird oft als Frage des verfügbaren Kapitals betrachtet. Tatsächlich hängt es vor allem von einer Zahl ab, die man im Voraus nicht kennen kann: der realen Rendite nach Inflation über die Jahrzehnte, in denen das Vermögen die Entnahmen finanzieren soll. Alles andere ist Arithmetik – und die ist unerbittlich.
Kernergebnis, Stand 04.09.2026: 1,2 Mio. € (nötig für 3.000 € im Monat, dauerhaft, bei 3 % Realrendite).
- 1,2 Mio. €nötig für 3.000 € im Monat, dauerhaft, bei 3 % Realrendite
- 3,6 Mio. €nötig für dieselben 3.000 € bei nur 1 % Realrendite
- 0,9 %reale Rendite von US-Wohnimmobilien über 39 Jahre
- 0 %Restkapital, wenn dieselben Renditen in der ungünstigsten Reihenfolge eintreffen
Die einzige Zahl, auf die es ankommt
Wer wissen will, wie viel Kapital nötig ist, um von seinen Anlagen zu leben, braucht zunächst nur eine Division: den gewünschten Jahresbetrag geteilt durch die erwartete reale Rendite. Die Schwierigkeit liegt im zweiten Teil dieser Rechnung, denn welche reale Rendite sich über Jahrzehnte ansetzen lässt, weiß niemand im Voraus.
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Für 3.000 € im Monat, also 36.000 € im Jahr, sind 1,2 Mio. € bei 3 % Realrendite nötig, wenn das Kapital dauerhaft erhalten bleiben soll. Bei 4 % sinkt der Bedarf auf 900.000 €, bei 2 % steigt er auf 1,8 Mio. € und bei 1 % auf 3,6 Mio. €.
Bezieht man einen Kapitalverzehr ein, verändert sich die Rechnung deutlich. Für die meisten Menschen ist das der realistischere Ansatz. Über 30 Jahre benötigen dieselben 3.000 € im Monat 705.600 € bei 3 % und 929.100 € bei 1 %. Über 40 Jahre liegen die Werte bei 832.100 € beziehungsweise 1,18 Mio. €.
Genau darin liegt das Problem. Schon ein Prozentpunkt Unterschied bei der angenommenen Realrendite verändert den Kapitalbedarf stärker, als es eine realistische Änderung der Sparquote könnte. Damit stellt sich die entscheidende Frage: Welche Realrendite ist überhaupt plausibel?
Was unsere Daten über reale Renditen zeigen
Nominale Renditen lassen sich leicht nennen, sind für diese Frage aber nur begrenzt aussagekräftig. Die Entnahme muss mit den Preisen Schritt halten. Entscheidend ist deshalb die Rendite, die nach der Inflation übrig bleibt, und die kann deutlich niedriger sein als die nominale Zahl.
| Anlage | Zeitraum | nominal p. a. | real p. a. |
|---|---|---|---|
| S&P 500 (Kurs, ohne Dividenden) | 9,4 Jahre | 13,4 % | 9,7 % |
| Gold | 3,7 Jahre | 27,3 % | 23,2 % |
| US-Wohnimmobilien | 39,5 Jahre | 4,3 % | 0,9 % |
| Deutsches Tagesgeld | 9,3 Jahre | 0,2 % | −2,8 % |
Die Aktien- und Goldzahlen sehen beeindruckend aus, stammen aber aus vergleichsweise kurzen Zeiträumen. Die Aktienreihe umfasst neun Jahre mit einem der stärksten Bullenmärkte der vergangenen Jahrzehnte, die Goldreihe weniger als vier Jahre mit einem starken Anstieg des Goldpreises . Einen vierzigjährigen Ruhestand auf 9,7 % Realrendite zu planen, nur weil die vergangenen neun Jahre diesen Wert brachten, wäre eine sehr weitreichende Annahme.
Aussagekräftiger ist die Immobilienreihe. Sie umfasst 39 Jahre, von 1987 bis 2026, und ist damit die längste zusammenhängende Reihe in unseren Daten. US-Wohnimmobilien erzielten in diesem Zeitraum nominal 4,3 % pro Jahr und real nur 0,9 % pro Jahr. Ein langer Betrachtungszeitraum lässt eine vermeintlich verlässliche Rendite damit deutlich anders aussehen.
Noch schwächer fällt Tagesgeld aus. Deutsche Tagesgeldzinsen brachten über 112 Monate insgesamt 1,81 %, also rund 0,19 % pro Jahr. Die deutschen Verbraucherpreise stiegen im selben Zeitraum um 3,13 % pro Jahr. Real entspricht das −2,8 % pro Jahr. Rund ein Viertel der Kaufkraft ging verloren, ohne dass es dafür einen einzigen schlechten Börsentag gebraucht hätte.
Die Reihenfolge der Renditen ist genauso wichtig wie ihre Höhe
Hier lässt sich die Wirkung exakt zeigen, weil keine zusätzliche Annahme nötig ist. Wir nehmen unsere 114 Monatsrenditen, entnehmen jährlich 4 %, angepasst an die Inflation, und lassen dieselben Renditen in unterschiedlicher Reihenfolge eintreten.
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In der tatsächlichen Reihenfolge endet das Kapital bei 240 % des Ausgangswerts, in umgekehrter Reihenfolge bei 250 %. Treffen zuerst die besten Monate ein, steigt es auf 304 %. Kommen dagegen zuerst die schlechtesten Monate, fällt es auf null: Das Depot ist aufgebraucht, bevor die guten Monate eintreffen.
Geändert wurde nur die Reihenfolge. Renditen, Entnahme und Zeitraum bleiben identisch. Trotzdem reichen die Ergebnisse von vollständigem Kapitalverzehr bis zu mehr als einer Verdreifachung. Bei zufällig gemischten Reihenfolgen liegt das Endkapital in neun von zehn Fällen zwischen 228 % und 259 %. Der schlechteste Fall ist also selten, doch wer ihn erlebt, hat davon nichts.
Genau deshalb ist eine Durchschnittsrendite keine gute Grundlage für einen Entnahmeplan. Ein Durchschnitt fasst einen ganzen Zeitraum zusammen. Ein Ruhestand findet dagegen in einer ganz bestimmten Abfolge von Renditen statt, und gerade die ersten Jahre prägen das Ergebnis besonders stark.
Wo diese Studie an ihre Grenzen kommt
Der nächste naheliegende Schritt wäre eine Pleitequote: Wie häufig ist ein Depot bei einer Entnahme von 4 % innerhalb von 30 Jahren aufgebraucht? Wir können diese Zahl aus unseren eigenen Daten berechnen. Gerade das Ergebnis zeigt aber, warum sie nicht als belastbare Prognose taugt.
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Zieht man Zwölfmonatsblöcke aus unseren 114 Monatsrenditen, ergibt sich eine Pleitequote von 0,3 % bei 4 %, 1,1 % bei 5 % und 4,9 % bei 6 %. Bei 4 % liegt das mittlere Depot nach 30 Jahren noch bei rund dem 25-Fachen des Ausgangswerts.
Die Zahlen sind rechnerisch korrekt, für die Planung aber wenig aussagekräftig. Der Grund steht im Abschnitt davor: Die Stichprobe umfasst neun Jahre eines der stärksten Aktienmärkte der Geschichte mit 9,7 % realer Rendite pro Jahr. Ein Bootstrap kann nur die Bedingungen neu mischen, die in den Ausgangsdaten stecken. Unsere Daten enthalten kein verlorenes Jahrzehnt, also kann das Modell auch keines erzeugen.
Die sinnvollere Schlussfolgerung ist deshalb keine bestimmte Pleitequote, sondern eine Regel zum Lesen solcher Studien: Das Ergebnis hängt zuerst vom Stichprobenzeitraum ab und erst danach von der Entnahmerate. In unserer Stichprobe scheiterte selbst eine Entnahme von 5 % nur selten. Ein Zeitraum von 1966 bis 1982 oder der japanische Markt nach 1990 sähen anders aus, und beide sind in unseren Daten nicht enthalten.
Was die Daten tatsächlich hergeben
Drei Aussagen bleiben trotz aller Einschränkungen bestehen.
Erstens ist der Kapitalbedarf einfache Arithmetik, aber empfindlicher, als es scheint: 1,2 Mio. € für 3.000 € im Monat bei 3 % Realrendite und 3,6 Mio. € bei 1 %. Welche Annahme man auch wählt, ihre Wirkung ist größer als jede realistische Änderung der Sparquote.
Zweitens liefern lange Zeiträume meist deutlich niedrigere reale Renditen als kurze, außergewöhnliche Phasen. Die einzige mehrere Jahrzehnte umfassende Reihe in unseren Daten brachte 0,9 % real über 39 Jahre, gegenüber 9,7 % real bei Aktien über neun Jahre. Über 30 bis 40 Jahre Entnahme braucht ein Plan auf Basis der Neunjahresrendite nur etwa ein Drittel des Kapitals, das ein Plan auf Basis der 39-Jahres-Rendite verlangt.
Drittens zählt die Reihenfolge der Renditen ebenso wie ihre Höhe. Dieselben Renditen führten allein durch ihre Abfolge zu Ergebnissen zwischen einem mehr als verdreifachten und einem leeren Depot. Eine andere Anlageauswahl beseitigt dieses Risiko nicht. Ein Puffer, der Verkäufe nach starken Kursrückgängen überflüssig macht, kann es verringern. So oder so kann ein tragfähiger Entnahmeplan mehr Kapital erfordern, als die einfache Division vermuten lässt.
Daten und Methode
- Datenbasis
- es.f · 03.04.2017 bis 04.09.2026 · 114 Monate
- Die Aktienzahlen stammen aus der Front-Month-Kette des S&P 500 vom 3. April 2017 bis zum 4. September 2026. Es handelt sich um eine Kursreihe ohne Dividenden in US-Dollar. Die Dollarrenditen werden mit der US-Verbraucherpreisreihe aus unseren eigenen Makrodaten bereinigt (3,38 % pro Jahr), der deutsche Einlagenzins mit dem deutschen HVPI (3,13 % pro Jahr). Beides zu vermischen hieße, eine Rendite in einer Währung mit der Inflation einer anderen zu vergleichen.
- Die Inflation entspricht dem Mittelwert der Vorjahresraten über den jeweiligen Zeitraum. Verkettet man stattdessen die Jahresraten, ergeben sich 3,45 % Inflation und eine reale Aktienrendite von 9,7 statt 9,8 %. Beide Werte stehen hier, um zu zeigen, dass dieser Unterschied keine Schlussfolgerung verändert.
- Die Kapitaltabellen beruhen auf exakter Arithmetik, nicht auf einer Simulation. Eine dauerhafte Entnahme ergibt sich aus dem Jahresbetrag geteilt durch die Realrendite; bei einer Entnahme über 30 oder 40 Jahre wird der entsprechende Rentenbarwertfaktor verwendet.
- Die Pleitequoten stammen aus einem Bootstrap unserer eigenen 114 Monatsrenditen. Gezogen wird in Zwölfmonatsblöcken, damit gute und schlechte Jahre zusammenbleiben; die Entnahmen steigen mit der gemessenen Inflation. Die Ergebnisse sind mit dem Vorbehalt aus der Studie zu lesen: Die Stichprobe enthält kein verlorenes Jahrzehnt.
- Der Reihenfolgetest ist keine Simulation. Er verwendet dieselben 114 Monatsrenditen in unterschiedlicher Reihenfolge und isoliert damit den reinen Effekt der Abfolge.
- Steuern, Produktkosten und Währungseffekte sind nicht berücksichtigt. Wer als Euro-Anleger einen Dollar-Index hält, trägt zusätzlich ein Wechselkursrisiko, das diese Studie nicht abbildet.
Alle Werte stammen aus unserer eigenen Kursdatenbank und werden von einem Skript im Repository erzeugt. Ein erneuter Lauf mit demselben Stichtag liefert dieselben Zahlen. Keine Anlageberatung.