Level 1 Charts lesen · Teil 3/7
Trend, Trendlinie, Trendkanal
Kaum ein Begriff der Charttechnik wird so beiläufig benutzt und so selten definiert wie der Trend. Dabei ist die Definition präzise und nachprüfbar.
Die Definition
Ein Aufwärtstrend liegt vor, wenn jedes Zwischenhoch über dem vorherigen liegt und jedes Zwischentief ebenfalls. Ein Abwärtstrend ist das Spiegelbild: tiefere Hochs, tiefere Tiefs. Alles andere ist eine Seitwärtsphase – und die ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Der Wert dieser Definition liegt in ihrer Widerlegbarkeit. “Der Trend ist intakt” ist keine Meinung, sondern eine Aussage, die ein einziges tieferes Tief beendet. Wer stattdessen sagt “es geht aufwärts”, weil der Kurs gestiegen ist, hat nichts formuliert, das falsch werden kann.
Trendlinie
Die Trendlinie verbindet in einem Aufwärtstrend die Tiefs, in einem Abwärtstrend die Hochs. Sie macht die Steigung sichtbar und liefert eine Marke, deren Bruch sich beobachten lässt.
Drei Einschränkungen sind wichtig:
- Zwei Punkte definieren jede Linie. Erst der dritte Berührungspunkt macht sie zu einer Aussage über den Markt statt zu einer Aussage über die beiden gewählten Punkte.
- Die Linie hält nichts. Sie beschreibt, sie wirkt nicht. Der Kurs steigt nicht, weil dort eine Linie liegt.
- Die Skala verändert sie. Dieselben Kurse ergeben auf linearer und logarithmischer Skala unterschiedlich steile Linien – und damit unterschiedliche Bruchzeitpunkte. Wer die Skala wechselt, bis die Linie passt, betreibt Kurvenanpassung.
Trendkanal
Verläuft ein Trend gleichmäßig, lässt sich eine zweite Linie parallel zur ersten über die Gegenseite legen. Der Raum dazwischen ist der Trendkanal.
Aufschlussreich ist weniger der Kanal selbst als die Frage, ob der Kurs ihn noch ausfüllt. Erreicht eine Aufwärtsbewegung die obere Begrenzung nicht mehr, verliert der Trend an Kraft, lange bevor die untere Linie bricht. Das ist eine der wenigen Beobachtungen der klassischen Charttechnik, die eine Veränderung anzeigt, statt sie zu bestätigen.
Trends je Zeitrahmen
Trends existieren parallel in mehreren Zeitrahmen, und sie widersprechen sich regelmäßig. Ein Wochen-Aufwärtstrend kann einen Tages-Abwärtstrend enthalten, der wiederum aus stündlichen Aufwärtsbewegungen besteht.
Daraus folgt kein Widerspruch, sondern eine Anforderung: Der Zeitrahmen, in dem der Trend beurteilt wird, muss zur geplanten Haltedauer passen und vorher festgelegt sein. Wer die Ebene wechselt, bis das Bild zur eigenen Position passt, bekommt immer eine Bestätigung – deshalb ist sie wertlos.
Herkunft: Dow-Theorie
Die Vorstellung, dass Märkte in Trends laufen und dass ein Trend eine Bestätigung durch die Breite des Marktes braucht, geht auf Charles Dow um 1900 zurück. Zwei seiner Grundgedanken sind bis heute tragfähig: dass ein Trend als intakt gilt, bis er widerlegt ist, und dass eine Bewegung glaubwürdiger ist, wenn viele Titel sie tragen statt weniger.
Genau diese Breite lässt sich messen – nicht nur bei Aktien. Der Altcoin-Season-Index etwa beantwortet für den Kryptomarkt die Frage, ob eine Bewegung breit getragen ist oder nur vom größten Wert kommt.
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Wo Trends drehen und pausieren, liegen meist wiederkehrende Kursbereiche – das Thema des nächsten Artikels.