Level 2 Muster & Indikatoren · Teil 5/9
Gleitende Durchschnitte
Der gleitende Durchschnitt ist der älteste und meistgenutzte Indikator. Er beantwortet eine einzige Frage: Wo lag der Kurs im Mittel der letzten n Perioden?
SMA und EMA
Der einfache gleitende Durchschnitt (SMA) mittelt die letzten n Schlusskurse mit gleichem Gewicht. Der exponentielle (EMA) gewichtet neuere Kurse stärker; er reagiert schneller und dreht früher, dafür häufiger falsch.
Welcher der beiden “besser” ist, hängt allein davon ab, was man kaufen will: schnellere Reaktion oder weniger Fehlsignale. Beides gleichzeitig gibt es nicht – die Wahl zwischen SMA und EMA ist keine Optimierung, sondern ein Tausch.
Die Periode
Übliche Werte sind 20, 50, 100 und 200 Perioden. Diese Zahlen haben keine mathematische Begründung; sie sind Konvention – und funktionieren teilweise deshalb, weil viele Teilnehmer dieselben Linien betrachten.
Ein 200-Tage-Durchschnitt zeigt die langfristige Richtung und wird selten gekreuzt. Ein 20-Tage-Durchschnitt folgt dem Kurs eng und wird ständig gekreuzt. Wichtig ist, dass die Periode vor der Analyse feststeht. Wer die Periode wählt, die im Rückblick am besten funktioniert hätte, hat einen Parameter an die Vergangenheit angepasst und daraus nichts über die Zukunft gelernt.
Crossover
Kreuzt ein kurzer Durchschnitt einen langen von unten, spricht man von einem bullischen Crossover; bei den Perioden 50 und 200 hat sich dafür der Name Golden Cross eingebürgert, für den umgekehrten Fall Death Cross.
Die Namen sind spektakulärer als die Sache. Ein Crossover ist eine mechanische Folge der Kursbewegung, kein zusätzlicher Informationsgehalt: Es tritt ein, nachdem sich der Kurs bereits deutlich bewegt hat. Untersuchungen dieser Signale finden regelmäßig, dass ihr Vorteil gegenüber einer schlichten Kaufen-und-Halten-Strategie klein und über Zeiträume instabil ist.
Die eingebaute Verzögerung
Jeder Durchschnitt ist Vergangenheit. Ein 50-Tage-Durchschnitt hat sein Schwerpunktgewicht rund 25 Tage in der Vergangenheit – er kann nicht früher drehen als der Kurs, sondern immer später.
Das führt zu einem systematischen Verhalten:
- In Trends funktionieren Durchschnitte gut, weil die Verzögerung dann wenig kostet.
- In Seitwärtsphasen erzeugen sie Fehlsignal auf Fehlsignal, weil der Kurs ständig hin- und herkreuzt.
Da Seitwärtsphasen den größten Teil der Zeit ausmachen, ist die Trefferquote crossover-basierter Systeme typischerweise niedrig, während die wenigen großen Trends das Gesamtergebnis tragen. Wer nur die Trefferquote betrachtet, hält ein funktionierendes System für kaputt – der Erwartungswert sagt etwas anderes.
Sinnvolle Anwendungen
- Trendfilter: Nur Positionen in Richtung des übergeordneten Durchschnitts eingehen. Das reduziert die Zahl der Gelegenheiten und erhöht ihre Qualität.
- Dynamische Zone: In starken Trends verläuft der Kurs häufig entlang eines Durchschnitts. Der Bereich um die Linie ersetzt dann eine waagerechte Unterstützung.
- Steigung statt Position: Nicht nur, ob der Kurs über der Linie liegt, sondern ob die Linie steigt. Die Steigung ist die stabilere Größe.
Weiterlesen
Der nächste Artikel behandelt Indikatoren, die nicht der Richtung folgen, sondern der Geschwindigkeit: Oszillatoren.