Level 1 Charts lesen · Teil 6/7
Risiko, Stop und Positionsgröße
Dieser Artikel enthält den einzigen Teil der technischen Analyse, dessen Wirkung mathematisch feststeht. Alles andere in diesem Kurs ist Interpretation. Die Positionsgröße ist Arithmetik.
Denken in R
Der Abstand zwischen Einstieg und Stop ist eine Einheit Risiko – ein R. Jedes Ergebnis wird in dieser Einheit gemessen: Ein Trade, der das Doppelte des Risikos einbringt, ist ein +2R-Trade, egal ob es um 40 Euro oder 4.000 Euro ging.
Der Vorteil ist die Vergleichbarkeit. Trades über verschiedene Instrumente, Kursniveaus und Positionsgrößen werden zu einer einzigen Zahlenreihe, aus der sich Trefferquote und durchschnittliches Ergebnis ablesen lassen – ohne dass ein einzelner großer Gewinn die Statistik dominiert.
Die Positionsgröße folgt aus dem Stop
Die Reihenfolge ist entscheidend und wird meistens falsch herum praktiziert. Richtig ist:
- Risiko je Trade festlegen, als Anteil des Depots. Üblich ist ein Bereich von 0,5 bis 2 Prozent.
- Stop-Abstand aus dem Chart bestimmen – dort, wo die Annahme widerlegt ist, nicht dort, wo der gewünschte Verlust erreicht wäre.
- Positionsgröße berechnen: Risiko in Euro geteilt durch den Stop-Abstand je Stück.
Beispiel: 20.000 Euro Depot, 1 Prozent Risiko = 200 Euro. Einstieg bei 50 Euro, Stop bei 46 Euro, also 4 Euro Abstand. 200 / 4 = 50 Stück, Positionswert 2.500 Euro.
Wird der Stop enger gesetzt, steigt die Stückzahl, das Risiko in Euro bleibt gleich. Das ist der Punkt: Nicht die Positionsgröße wird gewählt, sondern das Risiko – die Größe ergibt sich.
Erwartungswert
Trefferquote allein sagt nichts. Entscheidend ist der Erwartungswert je Trade:
E = (Trefferquote × Ø Gewinn in R) − (Verlustquote × Ø Verlust in R)
Bei 40 Prozent Trefferquote, durchschnittlich +2R Gewinn und −1R Verlust: 0,4 × 2 − 0,6 × 1 = +0,2R je Trade. Ein System, das in sechs von zehn Fällen falsch liegt, ist damit profitabel. Umgekehrt ist ein System mit 80 Prozent Trefferquote, das +0,5R gewinnt und −3R verliert, deutlich negativ: 0,8 × 0,5 − 0,2 × 3 = −0,2R.
Wer nur die Trefferquote nennt, hat den halben Bruch weggelassen.
Die Drawdown-Mathematik
Verlust und Aufholgewinn sind nicht symmetrisch. Nach 50 Prozent Verlust braucht es 100 Prozent Gewinn, nach 70 Prozent bereits 233 Prozent. Diese Asymmetrie ist der Grund, warum Verlustbegrenzung wichtiger ist als Trefferquote: Ein einzelner großer Verlust kostet mehr, als eine lange Serie kleiner Gewinne einbringt.
Aus derselben Rechnung folgt die Obergrenze für das Risiko je Trade. Bei 2 Prozent Risiko und zehn Fehlschlägen in Folge – bei 40 Prozent Trefferquote keineswegs exotisch – steht das Depot rund 18 Prozent im Minus. Bei 5 Prozent Risiko je Trade wären es 40 Prozent, und die Rückkehr wird zum mehrjährigen Projekt.
Wie sich solche Serien über viele Durchläufe verteilen, lässt sich simulieren: Der Monte-Carlo-Rechner zeigt die Bandbreite möglicher Verläufe statt eines einzelnen Pfads.
Wo der Stop hingehört
Ein Stop markiert den Punkt, an dem die Annahme falsch ist – nicht den Betrag, den man zu verlieren bereit ist. Beides zu verwechseln ist der häufigste Fehler in diesem Kapitel.
Praktisch heißt das: Der Stop liegt jenseits der Zone, deren Bruch die Idee widerlegt, plus einem Puffer für die übliche Schwankungsbreite. Direkt unter das letzte Tief gesetzt, wird er von genau dem Rauschen erwischt, das in jedem Markt vorhanden ist – und in der Stichprobe der eigenen Trades taucht das später als Serie knapper Fehlschläge auf, die alle kurz vor dem Ziel endeten.
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Der letzte Artikel dieser Stufe ordnet ein, was technische Analyse tatsächlich leisten kann – und was die Empirie ihr nicht bestätigt.