Level 1 Charts lesen · Teil 1/7
Wie man einen Chart liest
Ein Chart ist keine Abbildung des Marktes, sondern eine starke Verdichtung. Aus Millionen einzelner Abschlüsse wird pro Zeitabschnitt eine Handvoll Zahlen. Wer weiß, welche das sind und welche wegfallen, liest denselben Chart anders.
Vier Zahlen pro Zeitabschnitt
Fast jede Kursdarstellung beruht auf vier Werten je Periode: Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss – im Englischen open, high, low, close, kurz OHLC. Eine Periode kann eine Minute sein, ein Tag oder ein Monat; die vier Werte bleiben dieselben.
Der Linienchart zeigt nur die Schlusskurse. Das ist weniger Information, aber nicht automatisch schlechter: Der Schlusskurs ist der Kurs, auf den sich der Markt am Ende der Periode geeinigt hat – Zwischenausschläge, die niemand halten wollte, fallen heraus. Für langfristige Verläufe über Jahre ist die Linie meist die ruhigere Darstellung.
Der Balkenchart ergänzt Hoch, Tief und Eröffnung. Der Kerzenchart zeigt dieselben vier Werte, färbt aber die Spanne zwischen Eröffnung und Schluss ein und macht damit auf einen Blick sichtbar, in welche Richtung die Periode gelaufen ist. Inhaltlich unterscheiden sich Balken und Kerze nicht – die Kerze ist die schneller lesbare Form derselben Daten.
Der Zeitrahmen entscheidet mit
Derselbe Markt sieht in verschiedenen Zeitrahmen unterschiedlich aus, und keiner davon ist der “richtige”. Ein Rückgang, der im Stundenchart wie ein Trendbruch wirkt, ist im Wochenchart eine einzelne Kerze mit langem unterem Docht.
Praktisch heißt das: Der Zeitrahmen muss zur Haltedauer passen. Wer eine Position über Monate hält, trifft die Entscheidung nicht im 5-Minuten-Chart – dort sieht er vor allem Rauschen. Umgekehrt kann ein Wochenchart eine Bewegung nicht auflösen, die innerhalb von zwei Tagen beginnt und endet.
Üblich ist, zwei Zeitrahmen zu kombinieren: einen höheren für die Richtung und Struktur, einen niedrigeren für den Einstiegszeitpunkt. Drei oder mehr führen selten zu mehr Klarheit, aber zuverlässig zu Widersprüchen.
Lineare und logarithmische Skala
Auf einer linearen Skala entspricht ein gleicher Abstand einem gleichen Kursbetrag: von 10 auf 20 ist derselbe Weg wie von 100 auf 110. Auf einer logarithmischen Skala entspricht ein gleicher Abstand einer gleichen prozentualen Veränderung – von 10 auf 20 ist genauso weit wie von 100 auf 200.
Für Anleger ist fast immer die logarithmische Skala die passende, denn relevant ist die prozentuale Veränderung, nicht der absolute Betrag. Bei Kursreihen über mehrere Jahre oder mit starkem Wachstum ist der Unterschied dramatisch: Linear gezeichnet sieht jede Vervielfachung wie eine Explosion am rechten Rand aus, während die Anfangsjahre zu einer flachen Linie zusammenfallen. Auch Trendlinien liegen je nach Skala völlig unterschiedlich – ein Grund, warum zwei Betrachter über denselben “Trendbruch” streiten können.
Bereinigte Kurse
Ein Kurschart zeigt oft nicht den Preis, der damals an der Börse stand. Splits und Dividenden werden in die Vergangenheit zurückgerechnet, damit die Reihe stetig bleibt. Ohne diese Bereinigung erzeugt jeder Split eine künstliche Kurslücke, und jede Dividendenzahlung einen künstlichen Abschlag am Ex-Tag.
Das ist richtig so, hat aber Folgen für die Analyse: Alte Kurse in einem bereinigten Chart entsprechen keinem historisch handelbaren Preis. Wer eine Unterstützung “bei 50 Euro von 2018” einzeichnet, arbeitet mit einer Zahl, die es an der Börse nie gab. Bei Rohstoff-Futures kommt ein zweites Problem hinzu: Kontrakte laufen aus und werden gerollt, was ohne Korrektur ebenfalls Sprünge erzeugt, die kein Marktereignis waren.
Was im Chart fehlt
- Die Reihenfolge innerhalb der Periode. Eine Tageskerze verrät nicht, ob zuerst das Hoch oder zuerst das Tief erreicht wurde. Zwei völlig verschiedene Handelstage können identische Kerzen ergeben.
- Die Ausführbarkeit. Ein Kurs im Chart bedeutet nicht, dass dort in nennenswertem Umfang gehandelt werden konnte. Bei engen Werten liegen Geld- und Briefkurs weit auseinander; der gezeichnete Kurs liegt irgendwo dazwischen.
- Die Ursache. Der Chart zeigt das Ergebnis, nie den Grund. Deshalb ergänzen sich Kursbild und Wirtschaftskalender : Das eine zeigt, dass etwas passiert ist, das andere oft, weshalb.
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Die nächste Stufe dieses Kapitels zerlegt die Kerze selbst – warum das Verhältnis von Körper zu Docht mehr aussagt als die Farbe. Wer die Kursreihen der einzelnen Märkte direkt ansehen will, findet sie in der Marktübersicht .